Passion heißt auch Leidenschaft

Das Sinfonische Blasorchester Ulm glänzt mit einem österlichen Programm der anspruchsvollen Art. Vor einem der Werke spricht der Dirigent deshalb sogar eine Warnung aus.

Doch es war ein zweiteiliges Konzert, in dem die zwei Bedeutungen des Wortes „Passion“ zum Ausdruck kamen: Zunächst ist damit ja auch „Leidenschaft“ gemeint, und so hatte Dirigent Douglas Bostock drei Werke in den ersten Programmteil gestellt, die dies markant zum Ausdruck brachten. Von Alfred Reed (1921-2005) erklang einleitend „Alleluia! Laudamus Te“, in dem das Orchester erstmals an diesem Abend Klanggewalt demonstrierte. Doch auch die einzelnen Register nahmen die Gelegenheit gerne wahr, sich als Meister ihres Faches zu zeigen.

Ein solch triumphaler Lobgesang, wie er hier den Schluss bildete, passte genau so gut in den monumentalen Kirchenraum wie die folgende Komposition: „The Power of Rome and the Christian Heart“ von Percy Aldridge Grainger (1882-1961) sei „eines der anspruchsvollsten Werke“ der sinfonischen Blasmusik, hatte Bostock das Publikum buchstäblich gewarnt, ehe er den Einsatz zu dem riesigen Klanggemälde gab. Gedanken an Gewissenskonflikte der Menschen im Ersten Weltkrieg hatten den Komponisten zu dem Werk inspiriert und führten ihn nach eigenen Worten zur „Entfaltung musikalischer Gefühle“. Diese wiederum wurden vom Orchester, teilweise auch in Verbindung mit der großen Orgel der Pauluskirche, in eine selten zu hörende Klangfülle umgesetzt, in der die Vielfalt all dessen hörbar wurde, was ein Blasorchester heute zu leisten vermag.

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Dasselbe gilt auch für das dritte Werk: „Angels in the Architecture“ von Frank Ticheli (*1958) schildert den ewigen Kampf des Guten gegen das Böse, wobei sowohl räumlich als auch stimmlich höchst beeindruckend die „Engelsstimme“ als Verkörperung des Guten von der Galerie hoch über dem Orchester herab klang. Helen Willis, Sopran, aber auch Organist Adrian Hänsler boten eine gelungene Bereicherung des an sich schon großartigen Orchesterklanges. Einen besonderen Effekt erzeugten dazu passend gestimmte Weingläser und „Whirlies“, also geschwungene Klangröhren, sodass die sieben Schlagzeuger buchstäblich alle Hände voll zu tun hatten.

Diesen weltlichen Teilen des „Passions“-Programmes folgte im zweiten Teil die große Passionssinfonie von Ferrer Ferran (*1966). In drei Sätzen schildert sie das Leben und Leiden Christi, wobei alles aufgeboten wird, was ein Orchester heute zu leisten vermag. Von der Verkündigung der Geburt Jesu über die Ermordung der Unschuldigen Kinder und die Taufe im ersten Satz, weiter zu den Versuchungen, der Palmsonntags-Szene und der eigentlichen Passionsgeschichte bis hin zur Auferstehung und er daraus resultierenden Hoffnung spannte sich ein weiter Bogen, der sowohl thematisch als auch musikalisch alles beinhaltete, was die 2000 Jahre alte Geschichte in sich birgt. Der spanische Komponist hatte im Jahre 2001 daraus ein Monumentalwerk geschaffen, das wohl selten so gut in einen Raum passte wie hier: Das überdimensionale Kruzifix an der Altarwand hinter dem Orchester wirkte wie eigens dafür angebracht und auch extreme Klangeffekte wie das Einschlagen großer Nägel bei der Kreuzigungsszene verfehlten ihren Eindruck nicht.

Das Sinfonische Blasorchester Ulm, von Bostock in bekannt meisterlicher Manier geleitet, bewältigte die Riesen-Aufgabe unter Aufbietung aller emotionalen Kräfte und instrumentaltechnischen Fähigkeiten mit bewundernswerter Souveränität. Dem begeisterten Applaus zum Dank und „zur Beruhigung“, wie es Bostock sympathisch formulierte, folgte Bachs Choralvorspiel aus der Kantate Nr. 147 „Jesus bleibet meine Freude“ als Abschluss eines höchst denkwürdigen Konzertes.
20.04.2015 · Neu-Ulmer Zeitung; Wilhelm Schmid (http://www.augsburger-allgemeine.de/neu-ulm/Passion-heisst-auch-Leidenschaft-id33776917.html)
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